Der langsame Tod des Feldhamsters –
Ein Charaktertier unserer Kulturlandschaft stirbt aus.
von Dr. Günther Wannenmacher
(c) Redaktion: Die Neue Brehm-Bücherei; Erstellt am: 26.05.2007
Abdruck, auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verlages
Der Feldhamster ist seit vielen Jahrhunderten ein Wegbegleiter des Menschen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war er in Deutschland so häufig, dass er vielerorts als Plage und Ernteschädling betrachtet und dementsprechend gnadenlos verfolgt wurde. Schuld daran war vor allem sein sprichwörtlicher Hang zum „Hamstern“. Auch seines weichen Pelzes wegen musste er massenhaft sein Leben lassen. Sämtliche Ausrottungsversuche zeigten jedoch geringen Erfolg – zu widerstandsfähig erwies sich der kleine, buntgescheckte Nager, nicht zuletzt aufgrund seiner enormen Vermehrungsrate. Doch was Schlagfallen und Gift nicht schafften, erreicht nun – sozusagen nebenher – der Fortschritt. Die zunehmende Technisierung und Intensivierung der Landwirtschaft hat den Feldhamster ganz langsam, beinahe unmerklich, an den Rand des Aussterbens gebracht. Damit teilt er das Schicksal vieler Wildtiere unserer Kulturlandschaft.
Ein Kulturfolger breitet sich aus
Der etwa meerschweinchengroße Feldhamster hat in Deutschland bereits früh die Missgunst des Menschen erregt. Dafür spricht schon allein die Ableitung des Namens Hamster vom althochdeutschen „hamastro“, was soviel wie Kornwurm bedeutet. Sein Verbreitungsgebiet reicht im Westen von Belgien und den Niederlanden über Mittel- und Osteuropa bis an den sibirischen Fluss Jenissej und das nordwestliche China. Ursprünglich war der Feldhamster in den Steppen Osteuropas beheimatet, breitete sich aber im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft nach Westeuropa aus.
Als typischer Kulturfolger ist der Feldhamster aufs Engste mit der Entwicklung der Landwirtschaft verknüpft. Mit dem Einzug der Römer fand in Germanien ein Wechsel von der bis dahin üblichen Feld-Gras-Wirtschaft hin zu einer systematischeren Landnutzung statt. Archäologen fanden ein Hamsterskelett aus der Zeit um 250 nach Christus in einem römischen Brunnen im Rhein-Neckar-Raum, der bisher älteste Nachweis des Feldhamsters im deutschen Raum. Im Mittelalter kam die Dreifelderwirtschaft auf, wobei der Feldhamster von der Vielfalt an Nutzpflanzen, dem erstmaligen Angebot von Winter- und Sommergetreide, sowie der Bewirtschaftung der Felder mit einfachstem Gerät profitierte. Im 18. Jahrhundert erweiterte dann die Trockenlegung von Feuchtgebieten zur Ausweitung der Ackerbauflächen das für den Hamster potentiell besiedelbare Areal. Als Wühler, der im Erdreich weitverzweigte Bausysteme anlegt, ist der Nager auf formstabile Löß- und Lehmböden mit niedrigem Grundwasserspiegel angewiesen. Bracheflächen wurden mit mehrjährigen Futterpflanzen wie Luzerne und Klee bestellt, was dem Hamster zusätzlich zu den Getreidefeldern einen störungsarmen, futter- und deckungsreichen Ausweichslebensraum bot. Die im 19. Jahrhundert weiter verbesserte Dreifelderwirtschaft überbrückte das Brachestadium mit dem Anbau von Raps, Kartoffeln und Rüben, was für den Hamster eine nochmalige Steigerung des Futterangebots bedeutete.
Mit Gift und Fallen gegen einen Schädling
Diese Faktoren und die weiterhin überwiegend manuelle Feldbearbeitung begünstigten die Ausbreitung des Feldhamsters und das Erreichen hoher Populationsdichten. Speziell trockene und warme Sommer galten als Hamsterjahre. Trockenlegungen und Flurbereinigungen begünstigten zusätzlich ein explosionsartiges Anwachsen der Hamsterpopulationen. Solche Massenvermehrungen führten immer wieder zu erheblichen Ernteschäden, bis hin zu Totalausfällen. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass hierauf eine unbarmherzige Antwort erfolgte: Rigorose Bekämpfung des Schädlings. Dem emsigen Nager wurde mit Schlagfallen und Gift nachgestellt. Phosphorwasserstoff, Schwefelkohlenstoff und Blausäure – jedes Mittel war recht. Auch die Hamsterbaue wurden mit Wasser oder Giftschlacken geflutet; meist aber wurden die Vorratskammern ausgegraben und das ausgehobene Getreide für den Eigenbedarf oder als Tierfutter verwendet.
Die eingesetzten Methoden erwiesen sich dabei als durchaus effektiv: So wurden während einer Massenvermehrung im Jahr 1771 in der Stadtflur Gotha in Thüringen fast 55.000 Hamster erbeutet, im Jahr 1818 waren es im selben Gebiet sogar 112.000 Tiere.
Aber nicht nur seiner Schadwirkung wegen wurde der Feldhamster getötet, auch sein weicher Pelz war begehrt – vor allem als Innenfutter für Mäntel. Im 20. Jahrhundert wurde die Hamsterfellverwertung zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. In Deutschland lagen die besten Fanggebiete in der Magdeburger Börde und im Thüringer Becken. Ein guter Fänger konnte im Jahr 2.000 bis 4.000 Tiere erbeuten; bei einem Stückpreis von 1,50 DM pro Fell ein einträgliches Einkommen.
Das Blatt wendet sich
Natürliche Feinde, Krankheiten und Parasiten, Autoverkehr und selbst die intensiven Bekämpfungsmaßnahmen konnten die Feldhamsterpopulationen zunächst nicht ernsthaft gefährden. Dies lag zum einen an der hohen Vermehrungsrate des Nagers – ein Weibchen kann pro Jahr zwei bis drei Würfe mit je vier bis zwölf Jungen zur Welt bringen, die selbst wiederum im Alter von nur zehn Wochen geschlechtsreif werden. Zum anderen begünstigte die oben beschriebene Feldbewirtschaftung die Ausbreitung des Feldhamsters. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dramatisch. Mit der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft wendet sich allmählich das Blatt für den Feldhamster. Diese zielt mehr und mehr auf die Schaffung großflächiger Monokulturen, die sich maschinell bearbeiten lassen. Schwer zu schaffen macht dem Hamster der damit einher gehende Verlust der Vielfalt an Feldfrüchten, wie auch der Rückgang an Hecken, Böschungen und Feldrainen. Gerade diese als unproduktiv geltenden Landschaftselemente boten den Wühlern jedoch Deckung zum Anlegen ihrer Baue. Häufiges Befahren der Felder führt zu Verdichtungen des Bodens, was dem Hamster das Anlegen seiner Baue zusätzlich erschwert oder gar unmöglich macht. Viele Tiere werden direkte Opfer von Pflügen und Mähdreschern. Die schneller werdenden Arbeitsabfolgen und die Vorverlegung der Ernte verkürzen den Zeitraum, in dem Nahrung verfügbar ist. Der ebenfalls vorverlegte Stoppelumbruch vernichtet zudem die Erntereste, die für den Hamster so wichtig sind, um seine Wintervorräte anzulegen.
Schutz für ein Charaktertier
Da der Rückgang der Hamsterdichten schleichend voranging und der Feldhamster ein scheues, nachtaktives Tier ist, wurde der Ernst der Lage lange Zeit nicht bemerkt. Kartierungen zeigten, dass nicht nur die Populationsdichten zurückgegangen waren, sondern auch die räumliche Ausdehnung abgenommen hatte. In vielen Teilen Deutschlands mit ehemals hohen Hamstervorkommen ist die Art heute vom Aussterben bedroht. Seit 1994 wird der Feldhamster in der Roten Liste der BRD als „stark gefährdet“ geführt. Nach der Bundesartenschutzverordnung, Kategorie b, gehört er zu den besonders geschützten Arten und durch die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, Anhang IV, ist er streng geschützt. Der Schutz gestaltet sich in der Praxis allerdings schwierig. Da der Hamster ein Bewohner der Kulturlandschaft ist, sollten Schutzmaßnahmen in Absprache mit der Landwirtschaft erfolgen. Eine extensive Feldbewirtschaftung, die Förderung mehrjähriger Viehfutterschläge und eine Erhöhung der Vielfalt der Feldfrüchte wären Lösungsansätze. Einige Bundesländer haben bereits Schutzprogramme ins Leben gerufen, eine länderübergreifende Strategie fehlt bisher allerdings.
Ein Umdenken muss dringend auch in der Bevölkerung stattfinden. Denn solange der Feldhamster immer noch als Schädling angesehen wird, ist mit einer breiten Akzeptanz und Unterstützung von Schutzmaßnahmen nicht zu rechnen. Dabei hat der possierliche Nager mit seinem bunten Fell, seiner Stupsnase und den Knopfaugen alle Voraussetzungen für die Rolle eines Sympathieträgers. Nicht umsonst ist sein kleiner Verwandter, der Goldhamster, eines unserer beliebtesten Haustiere. Und als Jahrhunderte langer Wegbegleiter des Menschen ist der Feldhamster längst ein Teil unserer Kulturgeschichte geworden, der es verdient hat, zu überleben.
(c) Redaktion: Die Neue Brehm-Bücherei; Erstellt am: 26.05.2007
Abdruck, auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verlages