Der Feldhamster - Ein sympathischer Einzelgänger
von Dr. Günther Wannenmacher
(c) Redaktion: Die Neue Brehm-Bücherei; Erstellt am: 12.04.2007
Abdruck, auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verlages
Buntes Fell, weiße Stupsnase und schwarze Knopfaugen: der possierliche Feldhamster gehörte früher zu den häufigsten Kleinsäugern Deutschlands. Heute steht er auf der Roten Liste und gilt als stark gefährdet. Seiner sprichwörtlichen Neigung zum „Hamstern“ wegen wurde der Nager lange Zeit vom Menschen intensiv verfolgt. Auch sein flauschiger Pelz war ein begehrtes Naturprodukt. Doch vor allem die intensive, mit modernen Maschinen betriebene Landwirtschaft macht dem Hamster das Leben schwer. Da hilft ihm auch sein wehrhafter Mut und seine Vermehrungsfreude nicht viel.
Ein bunter und mutiger Einzelgänger
Der Feldhamster wird etwa meerschweinchengroß, hat kurze Beine und einen Stummelschwanz. Der kegelförmige Kopf trägt häutige Ohrmuscheln, große schwarze Augen und eine kurze Schnauze mit langen Tasthaaren. Einzigartig ist seine Färbung. Mit seinem braunen Rücken, den cremefarbenen Flecken an Wangen, Hals und Schultern und den weißen Pfoten gehört er zu den buntesten Erscheinungen in der heimischen Säugetierwelt. Ungewöhnlich ist sein schwarzer Bauch, der sich kontrastreich vom Rücken abhebt.
Was aber nützt dem Feldhamster seine so auffällige Färbung? Möglicherweise hat sie eine warnende oder abschreckende Wirkung auf einen herannahenden Feind, etwa ein Hermelin oder einen Fuchs. Schon Tiervater Brehm beschrieb den Feldhamster als ein zwar „leiblich recht hübsches, geistig aber um so hässlicheres, boshaftes und bissiges Geschöpf“. Wird ein Feldhamster nämlich bedroht, und kann er mit seinen kurzen Beinen nicht mehr fliehen, stellt er sich mutig jedem Angreifer. Er richtet sich auf die Hinterbeine und präsentiert seinen schwarzen Bauch mit den hellen Seitenflecken. Dieser Anblick soll dem aufgerissenen Rachen eines Raubtieres ähneln, mit den weißen Pfoten als Reißzähne. Dazu bläst er noch die Backentaschen auf, um größer zu wirken und fletscht seine großen Schneidezähne, die er knirschend hin und her bewegt. Lautes Fauchen und Zischen soll zusätzlich Respekt einflößen. Zeigt sich der Gegner hierdurch noch nicht beeindruckt, springt ihn der Giftzwerg kreischend an. Dieses beherzte Abwehrverhalten hat für den Feldhamster jedoch häufig fatale Folgen. Denn beim Überqueren von Straßen flieht er nicht etwa vor heranrasenden Autos, sondern stellt sich ihnen kampfbereit entgegen. Gegen diesen Goliath hat der zähneknirschende David natürlich keine Chance, und so sterben viele Feldhamster jährlich den Verkehrstod.
Wühlen und Hamstern – ein Leben unter Tage
Der Feldhamster bewohnt als ausgesprochener Kulturfolger Ackerbaugebiete und erregt daher seit jeher die Missgunst der Menschen. Zumal er Felder mit guten Löß- oder Lehmböden und niedrigem Grundwasserspiegel bevorzugt, in denen er seine verzweigten Baue anlegen kann. Das macht er dort, wo ganzjährig Nahrung und Deckung vorhanden ist, also in Klee- und Luzernefeldern, aber auch in Rüben- und Getreidefeldern. Hamsterbaue sind sehr variabel, umfassen im Grundmuster jedoch eine Wohnkammer, eine Vorratskammer, sowie zwei Ausgänge: eine schrägverlaufende Schlupfröhre, über die die Nahrung eingetragen wird und eine senkrechte Fallröhre, in die sich die Tiere bei Bedrohung flüchten. Von der Wohnkammer können weitere Seitengänge abgehen, in denen teilweise Kot, Urin und Streureste deponiert wird. Grob kann man zwischen Sommer- und Winterbauen unterscheiden. Sommerbaue sind relativ flach und weitverzweigt, während Winterbaue tiefer als einen Meter angelegt sind und meist nur einen Eingang aufweisen, der vor Beginn der Überwinterung geschlossen wird. Komplexe Bausysteme können entstehen, wenn sich zufällig zwei oder mehrere Baue durch Seitengänge verbinden.
Ein Großteil des Hamsterlebens findet in den Bauen statt. Hier wird gefressen und geschlafen, hier findet die Paarung und die Jungenaufzucht statt, und nicht zuletzt verbringen die Tiere hier den Winter. Allerdings sind Feldhamster recht unstete Bewohner: Während der Vegetationsperiode halten es Weibchen durchschnittlich etwa einen Monat in einem Bau aus, Männchen gar nur eine Woche. Danach wird umgezogen – entweder in einen neuen oder in einen alten, inzwischen verlassenen Bau.
Wenn der Hunger lockt, verlassen die Tiere ihren sicheren Hort und gehen auf Nahrungssuche. Um Fressfeinden wie Füchsen, Dachsen oder Greifvögeln möglichst aus dem Weg zu gehen, geschieht dies gewöhnlich in der Morgendämmerung oder den späten Abendstunden. Im Sommer, wenn die Vegetation zunehmenden Schutz bietet, lassen sich die Nager auch häufiger einmal am Tage blicken. Sie ernähren sich vorwiegend vegetarisch und erweisen sich, was ihre pflanzliche Nahrung angeht, als nicht sehr wählerisch. Abhängig vom jeweiligen Angebot an Feldfrüchten und Wildkräutern stehen Weizen, Gerste, Roggen und Hafer, aber auch Klee, Erbsen, Bohnen, Rüben, Möhren, Gurken und viele andere Pflanzen stehen auf dem Speisezettel. Beim Abernten der Pflanzen bleiben die Hamster meist in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung, wodurch charakteristische, oft mehrere Quadratmeter große Fraßkreise um den Baueingang herum entstehen.
Tierische Nahrung verschmähen Feldhamster ebenfalls nicht, auch wenn es sich dabei nur um Beikost handelt. Schnecken, Regenwürmer und Käfer sind dabei ebenso wenig vor ihnen sicher wie Amphibien, Jungvögel und Mäuse. Und – wen wundert es bei der Furchtlosigkeit der kleinen Kerle – selbst Jungkaninchen und Junghasen fallen ihnen gelegentlich zum Opfer. Große Jagdleidenschaft entwickeln die Tiere dabei aber nicht: zielgerichtetes Verfolgen von Beute konnte bisher nicht beobachtet werden. Vielmehr packen sie einfach alles, was ihnen zufällig vor die Schnauze gerät. Wozu sich auch groß anstrengen, wenn man mitten im Kornfeld hockt?
Gefressen wird meist nicht an Ort und Stelle, sondern in der Sicherheit der Wohnkammer. Wozu hat man schließlich große Backentaschen, in denen sich alles bequem transportieren lässt? Bis zu 70 Erbsen finden in den dehnbaren Ausstülpungen der Mundhöhle Platz, das sind etwa 50 Gramm – für ein 500 Gramm schweres Tier nicht schlecht. Das Sammeln und Anlegen von Nahrungsvorräten wird so sehr mit dem emsigen Nagetier in Verbindung gebracht, dass es als „Hamstern“ geradezu sprichwörtlich geworden ist. Im Frühjahr und Sommer werden allerdings nur kleine Mundvorräte in den Bau eingetragen; schließlich herrscht kein Mangel. Im Spätsommer vervielfachen die Hamster dann ihre Sammelanstrengungen, um sich für die entbehrungsreiche Winterperiode zu wappnen. Die durchschnittliche Vorratsmenge beträgt bei den Männchen etwa zwei Kilogramm, die kleineren Weibchen und die Jungtiere tragen weniger ein. Größere Mengen sind die Ausnahme, immerhin wurden in einem Hamsterbau einmal 34 Kilogramm Erbsen gefunden.
Ab ins mollige Nest
Werden im Herbst die Tage kürzer, verabschieden sich die Feldhamster vom Tageslicht und ziehen sich in ihre mit Streu ausgepolsterten Wohnkammern zurück. Wie Murmeltiere, Siebenschläfer und Igel verbringen Hamster die kalte Jahreszeit in einem Zustand der Lethargie, sie halten Winterschlaf. Während dieser Zeit reduzieren sie ihren Stoffwechsel auf das Notwendigste, um Energie zu sparen. Ihre Körpertemperatur sinkt dabei von normalerweise 37 Grad Celsius auf bis zu 3 Grad Celsius ab. Die Tiere verschlafen jedoch nicht den ganzen Winter. Alle paar Tage wachen sie auf, um sich zu stärken – schließlich haben sie nicht umsonst Vorräte angelegt. Trotzdem ist dieses ständige Aufwachen sehr energieaufwändig und geht nicht spurlos an den Nagern vorüber. Am Ende der etwa sechsmonatigen Winterruhe haben die Tiere bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts verloren.
Frühlingserwachen
Wenn im Frühjahr Mutter Natur wieder Wärme und Nahrung bietet, erwachen die Feldhamster aus ihrem Winterschlaf. Haben die Tiere erst einmal den erlittenen Gewichtsverlust wieder wettgemacht, heißt es: Paarungszeit.
Als ausgesprochene Einzelgänger zeigen sich Feldhamster untereinander wenig verträglich, und so gehen sie sich normalerweise aus dem Weg. Treffen doch einmal zwei Artgenossen aufeinander, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, die nicht immer glimpflich ablaufen. Steigt einem Männchen jedoch der Duft eines paarungsbereiten Weibchens in die Nase, vergeht selbst diesem die Streitlust und es begibt sich in den Bau des Weibchens. Nach einem intensiven Vorspiel mit gegenseitigem Beschnuppern findet dann die Paarung statt. In der Regel bleibt das Paar mehrere Tage im Bau zusammen, bis das Weibchen trächtig ist. Dann allerdings ist es vorbei mit der Harmonie und das Weibchen vertreibt das Männchen, das sich schnurstracks auf die Suche nach der nächsten Geschlechtspartnerin macht.
Etwa 20 Tage nach der Paarung gebiert das Weibchen vier bis zwölf Junge, die nackt und blind zur Welt kommen. Nach zwei Wochen öffnen die mittlerweile behaarten Junghamster ihre Augen und nach einer weiteren Woche machen sie ihren ersten Ausflug mit ihrer Mutter vor den Bau. Sie werden jetzt nicht mehr nur gesäugt, sondern können bereits selbstständig fressen. Im Alter zwischen drei und vier Wochen endet das harmonische Familienleben und die Jungen verlassen den mütterlichen Hort, um ihre ersten eigenen Baue anzufertigen. Oft behält eines der Jungtiere den alten Bau und die Mutter sucht sich eine neue Unterkunft, wo sie erneut ein paarungsbereites Männchen erwartet. Bis zu drei Würfen kann ein Weibchen so im Jahr produzieren, in Deutschland sind es meistens nur zwei.
Von Hamstern und Menschen
Das Verhältnis zwischen Mensch und Feldhamster war selten ein freundschaftliches. Der Name Hamster leitet sich aus dem althochdeutschen „hamastro“ ab, was Kornwurm bedeutet. Damit ist schon der Hauptgrund für die Feindschaft angedeutet. Der Feldhamster wurde als Plage und Nahrungsschädling intensiv verfolgt. Vor allem sein Hang zum Hamstern wurde ihm zum Verhängnis. Dabei ist der Mensch selbst ein eifriger Hamsterer und das Anlegen von Nahrungsvorräten zur Überbrückung von Notzeiten ist nichts verwerfliches, sondern eine sinnvolle Einrichtung der Natur. So kam es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zu sogenannten Hamsterfahrten in ländliche Gebiete, weil die Versorgung mit Lebensmitteln in den Städten nicht ausreichend war.
Besonders während warmer trockener Sommer kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Massenvermehrungen des Feldhamsters. So wurden während einer solchen Massenvermehrung im Jahr 1771 in der Stadtflur Gotha in Thüringen fast 55.000 Hamster erbeutet; im Jahr 1818 waren es im selben Gebiet sogar 112.000 Tiere. Auch die Vorratskammern der Hamster wurden ausgegraben, um mit dem Getreide Brot zu backen.
Aber auch seines weichen Pelzes wegen wurde dem Feldhamster nachgestellt. Im 20. Jahrhundert wurde die Hamsterfellverwertung zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. In Deutschland lagen die besten Fanggebiete in der Magdeburger Börde und im Thüringer Becken. Ein guter Fänger konnte im Jahr 2.000 bis 4.000 Tiere erbeuten; bei einem Stückpreis von 1,50 DM pro Fell ein einträgliches Einkommen.
Richtig an den Kragen ging es dem Feldhamster aber erst im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft und dem damit verbundenen Aufkommen von Hochleistungsmonokulturen. Dadurch verschwand die für die Nager so wichtige Diversität an Feldfrüchten. Häufiges Befahren der Felder führt zu Verdichtungen des Bodens, was dem Hamster das Anlegen seiner Baue erschwert oder gar unmöglich macht. Viele Tiere werden direkte Opfer von Pflügen und Mähdreschern. Das Abernten der Felder geschieht heute früher und simultan zum Stoppelumbruch. Dadurch findet der Feldhamster kaum noch Erntereste, um die für den Winter notwendigen Vorräte anzulegen.
All dies führte zu einem schleichenden Rückgang der Hamsterdichten. So verschwand der Feldhamster in vielen Teilen Deutschlands fast unbemerkt und gilt heute als eine vom Aussterben bedrohte Art. 1994 wurde er in der Roten Liste der BRD als „stark gefährdet“ eingestuft. Heute ist es verboten, Feldhamster zu fangen oder zu töten, sowie dessen Fortpflanzungs- und Ruhestätten zu stören oder zu vernichten. Sein Ruf als Schädling ist dabei nicht gerade hilfreich, um diese Verbote durchzusetzen. Neben engagierten Schutzprogrammen bedarf es daher eines Umdenkens der Bevölkerung, damit der sympathische Einzelgänger eine Überlebenschance in unserer Kulturlandschaft hat.
(c) Redaktion: Die Neue Brehm-Bücherei; Erstellt am: 12.04.2007
Abdruck, auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verlages